Danach

Danach - die Zeit nach der Aufarbeitung

20 Jahre später

20 Jahre erschrecken. Es sind tatsächlich 20 Jahre Therapie und Arbeit, in unterschiedlichsten Formen. Einzeltherapie, Selbsthilfegruppen, Psychosomatische Kliniken, Entspannungstrainings...

Viele Dinge haben sich geändert. Symptome / Folgen sind "verschwunden". Dissoziieren brauche ich als Schutz nicht, oder selten. (Fast) keine Zeitverluste mehr, keine Flashbacks, keine Verwirrungszustände mehr, kein überessen, die Unfallhäufigkeit geringer, keine manischen Phasen mehr. Kein Hadern mehr.

Dafür habe ich gelernt meine Grenzen zu erkennen, meine Grenzen zu setzen. Kann in Kontakt bleiben mit mir und anderen. Pause machen. Entspannen. Schlafen. Räume mit vielen Menschen betreten. Lachen. Meditieren. Körpergefühl ist meistens vorhanden. Auch Traurigkeit über Verpasstes.

Die Arbeit hat sich gelohnt. Auf meinem Weg habe ich tolle Menschen kennengelernt. Sehr gute Unterstützung erhalten. Und das Beste:
Vertrauen gelernt.

Es geht weiter. Weiter achtsam mit mir umgehen. Kräfte realistisch einschätzen. Köperliche Beschwerden verringern. Mein Hauptproblem bleibt Nähe. Aber: Ich habe noch Zeit vor mir. Zum Weitergehen. Zeit für mich. Meine Zeit. Die ich teilweise mit mir lieb gewonnenen Menschen verbringen werde. (bs)

Wird alles wieder gut?

Ja und nein.
Mehr als zwanzig Jahre nach Therapiebeginn gilt beides uneingeschränkt.
Es fing an mit der Plakatserie 'Vati war ihr erster Mann'. Mir blieb der Satz 1991 nicht nur im Hals stecken.

Trotzdem war klar: "Ich nicht."
Das war nicht so, nicht so richtig oder nur so ein bisschen.

Eine Gruppe solle gegründet werden, irgendwas mit Frauen und wegen sexuellem Missbrauch, das stand in der Zeitung. Der Zettel hing lange am Kühlschrank, aber:
"Ich nicht."

Morgens wachte ich auf, in meinem Kopf stand nur "Sexueller Missbrauch".
Tagsüber immer stand da so nebenbei in meinem Kopf das Plakat "Sexueller Missbrauch".
Abends, nachts egal wie spät, egal wie müde, das letzte Bild war immer "Sexueller Missbrauch".

Tage, Wochen, Monate mit einem Alltag. Für viele drumherum sah alles aus wie immer.

Aber so war es nicht. Ich reagierte nicht wie immer.

Ich war aggressiv, genervt, unglücklich, nichts war ok, gar nichts.

Aber es gab keinen Grund, denn da war nichts.

Nur das Schild, dieses Schild, das war da - immer.

Das Schild sollte weg, das war das Problem.

Es dauerte mehr als ein Jahr, doch irgendwann beschloss ich mal zu so einer Beratung zu gehen. Die machten da irgendwas mit diesem Missbrauch oder so. Da würde ich jetzt zwei- dreimal hingehen. Dann würden die das Schild wegmachen und dann, ja dann wäre alles wieder gut.

Alles.

Alles wäre wieder gut.

Denn sonst? Nein, sonst war da nichts.

Glücklicherweise hatte ich keine Ahnung, wie lange es tatsächlich dauern würde, dieses Schild weg zu bekommen. Ich hatte keine Vorstellung davon was mich erwartet und wie lange, wie unglaublich lange und anstrengend der Weg wurde.

Heute?

Das Schild ist weg. Meistens. Ab und zu kommt es mal raus und winkt. Heute weiß ich, jetzt wird es dringend auf mich zu achten, auf Pausen, auf Platz für das was da ist. Das Schild ist so eine Art Alarmsignal, es kommt nicht einfach so, es kommt nicht um mich zu ärgern, es kommt um mir klar zu machen, wie ich gerade mit mir umgehe, das ist nicht gut.

Dazwischen waren viele Jahre, in denen es oft sehr eng war, im Nachhinein bin ich beeindruckt wie wenig unterm Strich schief ging.

Nach den allerersten Therapiestunden begann ich damals zu verstehen, mit den zwei- dreimal wird es nicht klappen, ich muss da wohl ein paarmal öfter hin.

Später verstand ich irgendwann, da war wohl doch mehr als nichts. Erstmal wurde vieles schlimmer, ich hatte da an einem geschlossenen System gewackelt und jetzt brach es auf und zeigte sich nach außen.

Nach einigen Monaten Einzel- und Gruppentherapie kam eine erste, ganz vorsichtige Zusammenfassung: Ein vorsichtiges "Wo stehe ich?" und noch schwerer einschätzbar, ein noch viel vorsichtigeres "Bis wohin könnte ich wohl bestenfalls kommen?".

Beim Wechsel des Einzeltherapeuten formulierte ich Ziele, von denen ich träumte, die ich jedoch nicht für erreichbar hielt.

Jahre später am Ende einer jahrelangen Einzeltherapie war klar, "Ja, wir haben jetzt einen Stand, der wäre für viele ein Grund dringend mal eine Therapie zu beginnen. Doch wir haben auch einen Stand, der sich um Welten verbessert hat, zu dem was da anfangs war."

Heute?

Heute habe ich etwas erreicht wovon ich selbst am Ende der Einzeltherapie nicht zu träumen gewagt hätte. So vieles was unvorstellbar war ist heute möglich, manches fast schon nebenbei.

Ginge ich heute los, würde es noch immer locker reichen, um eine Therapie zu bekommen, aber es ist nicht mehr nötig.
Nötig war es um zu überleben.
Sehr, sehr lange ging es nur darum.
Einfach nur irgendwie überleben. Immer wieder einen Tag dranhängen. Und noch einen, und noch einen, bis Dienstag, bis Freitag, übers Wochenende, von einer Therapiestunde zur nächsten...

Was ich im Lauf der Zeit gelernt habe, ist mit mir umzugehen. Irgendwann habe ich nicht nur im Kopf, sondern wirklich für mich verstanden, dass nur ich etwas ändern kann.

Therapeuten, andere Frauen in der Gruppe, Freundinnen, Nahestehende, sie alle sind wichtig, sie unterstützen, sie helfen durch ganz tiefe Löcher, doch sie können es nicht ganz machen. Das Schild, das kann nur ich allein weg bekommen. Denn das Schild und all das wofür das Schild steht, das ist in mir.

Ja, ich habe die Verantwortung für das Schild. Ich allein.
Und ja, ich habe die Macht das Schild zu verändern.

Ich kann mich zurücklehnen und dem Schild zusehen, wie es mich verdrängt, wie es allen Raum einnimmt und alles andere immer unwichtiger werden lässt.
Doch ebenso kann ich mir ansehen, was das Schild denn will. Ich kann dahinter schauen und mich darum kümmern, was da ist. Ich kann das Schild verdrängen, ich kann ihm den Raum nehmen und kann allem anderen was mir wichtig Vorrang einräumen.

Ist alles wieder gut?

Nein, es ist nicht alles wieder gut. Die Spuren bleiben, sie werden nie ganz weggehen. Aber Narben sind keine offenen, nässenden, entzündenden Wunden. Narben sind nur Spuren, Spuren die ein Teil von mir sind.
Ein Teil von mir bedeutet, auch das ist ein Teil, der zu mir gehört, mit Stärken und Schwächen, Vorteilen und Nachteilen. Aber aus dem was nur schlecht war, lässt sich manches machen, was auch gut ist.

Ja, denn ich kann heute entscheiden, wie viel Einfluss das Damals auf mich hat. Ich kann nicht alles, was wohl selbstverständlich wäre, wenn da nie Missbrauch gewesen wäre. Aber ich kann entscheiden, was mir so wichtig ist, dass ich es können will.
Ein Beispiel:
Ich werde es niemals mögen, Aufzug zu fahren. Ich vermeide es auch bis heute, wenn es sinnvoll ist. Aber ich kann Aufzug fahren. Wenn es viele Stockwerke sind, wenn ich viel zu transportieren habe oder wenn ich einfach entscheide, dass ich es jetzt will, dann kann ich es - ohne in Panik zu geraten.

Du willst wissen:

Wird alles wieder gut?

Ja, es wird alles wieder gut, wenn du es willst und dich für dich darum kümmerst. (uh)

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